Binge und Kollegen GbR

 

POLITIK & GESELLSCHAFT Sozialprotokoll
Vater, Mutter, Macht
Manchmal bereitet ihr das Bauchschmerzen: Ute Kuleisa-Binge (53)
vertritt Kinder in Sorgerechtsverfahren
 

Ute Kuleisa-Binge

Neulich musste ich lachen, als sich ein Siebenjähriger vor mir aufbaute
und fragte: »Wie viele Fälle hast du gewonnen?« Ich habe ihm geantwortet,
dass es nicht ums Gewinnen gehe, sondern darum herauszufinden, was das
Beste für ihn sei. Seit 13 Jahren arbeite ich als Verfahrenspflegerin.
Als »Anwältin des Kindes« begleite ich die Kinder durch Gerichtsverfahren
beim Familiengericht. Ich vertrete ihre Position, wenn Eltern sich um das
Sorgerecht streiten oder sich nicht über den Umgang mit ihren Kindern einigen
können. Im Moment betreue ich 56 Fälle – Kinder
aller sozialen Schichten, verschiedener Kulturen und jeden Alters. Vor Kurzem
sogar ein Ungeborenes, dessen Mutter auf der Straße lebte. Zwei ihrer Kinder
lebten bereits in Pflegefamilien. Sie konnte ihren Säugling behalten und lebt jetzt
in einem Mutter-Kind-Heim. Verfahren vor dem Familiengericht sind
hoch emotional. Man muss viel miteinander reden, sonst können sich die Betroffenen
das Urteil an die Wand hängen, aber die Entscheidung war umsonst. Gefühle
kann man nicht in Paragrafen fassen. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für
die Juristerei. Gelernt habe ich Erzieherin. Nach der Ausbildung wollte ich zur
Polizei gehen, zum Jugendschutz. Doch dann geriet ich in eine Schlägerei, da war
ich 16. Ich zitterte vor Angst und gab meinen Berufswunsch auf. Daneben wurde
mir klar, dass sich Schichtdienst nicht mit einem Familienleben vereinbaren
lassen würde. Meine erste Ehe zerbrach leider nach 23
Jahren, und so wurden meine Kinder im Alter von 16 und 14 Jahren selbst zu
»Scheidungskindern«. Allerdings war das Sorgerecht zwischen mir und meinem Ex-
Mann nie ein Streitpunkt. Heute weiß ich: Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung
von Familie, und jede einzelne ist grundsätzlich weder besser oder schlechter – bis
zu einem gewissen Punkt natürlich. Einmal kam ein 14-Jähriger zu mir, der
sich ans Jugendamt gewandt hatte, weil er sehr darunter litt, dass seine Eltern tranken.
Er zog in ein Montessori-Heim, das ich wunderschön fand. Doch für ihn war
es wie ein anderer Planet. Zu Hause war den ganzen Tag der Fernseher gelaufen,
und er hatte Computer gespielt. Jetzt nichts mehr von alledem, Idylle pur. Nach
eineinhalb Jahren konnte er es nicht erwarten zurückzuziehen.
Wenn ich ein Kind das erste Mal besuche oder es zu mir kommt, achte ich nicht
darauf, welche Kleidung es trägt oder in welchem Zustand sein Zimmer ist. Ich
blende das Materielle aus und achte auf das Zwischenmenschliche, etwa ob sich
das Kind auf den Schoß der Mutter setzt oder wie sein Vater mit ihm redet.
Je gebildeter Eltern sind, desto subtiler nehmen sie Einfluss, und umso schwieriger
ist es, hinter ihre Fassade zu schauen. In manchen Fällen haben sie intensiv mit
dem Kind geredet. Es kennt dann alle wunden Punkte und steht in einem Loyalitätskonflikt.
Oder sie geben sich bereit mitzuarbeiten. Doch im Hintergrund spielen
andere Dinge eine Rolle: Wer das Haus bekommt oder das Aktienpaket.
Kinder aus einfacheren Verhältnissen reden eher mal frei von der Leber weg.
Sie wissen oft gar nicht, wo sie Gefühle verletzen könnten, weil niemand sie auf
wunde Punkte hingewiesen hat. Fast alle Mädchen und Jungen, die ich begleite,
wollen ihre Eltern befrieden. Es berührt mich manchmal sehr, wie abgeklärt sie
sind – und darin ihren Altersgenossen weit voraus.
Es braucht Zeit, bis das Kind sagen kann, was es will. Wir treffen uns in unserem
Büro oder im Café und reden. Zwei bis drei Mal vor einer Anhörung. Bei manchen
ist das Verfahren nach einem halben Jahr abgeschlossen, bei anderen zieht es
sich über Jahre. Manchmal steht der Wunsch des Kindes gegen sein Wohl. Zum
Beispiel, wenn erwiesen ist, dass Mutter oder Vater es schlagen – es aber partout
wieder dort hinwill. Ich sage ihm dann, dass ich Bauchschmerzen mit seiner Entscheidung
habe. Vor Gericht gebe ich seinen Wunsch weiter, ohne ihn ausdrücklich
zu unterstützen. Derjenige, bei dem die Kinder leben,
sieht sich meist in einer Machtposition. Und der andere kämpft zuweilen mit allen
Mitteln. Einmal erzählten mir Mädchen nach einem Wochenende bei der Mutter,
dass ihr Vater Kokain schnupfe, und erzählten bis ins Kleinste, wie er das mache.
Ich setzte alles daran herauszufinden, ob das stimmte: Das Familiengericht ordnete
sogar einen Haartest an, den der Vater allerdings ablehnte. Doch wie es schien,
hatte die Mutter die Kinder beeinflusst. Sie verlor das Interesse, als sie merkte,
dass sie ihre Kinder nicht so schnell zurückbekam, wie sie gehofft hatte.
Manchmal fühle ich mich ohnmächtig: Wenn sich ein Verfahren hinzieht oder
Behörden nicht so schnell reagieren, wie es für das Kind gut wäre. Ich habe aber
den Eindruck, dass sich die Richter und Richterinnen in Hamburg sehr viel Mühe
geben, das Wohl des Kindes zu erkennen. Die Entscheidung macht sich keiner
leicht.

Protokoll: Sabine Henning

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